Gestern Abend traf sich der Anarchistische Stammtisch Wuppertal zum zweiten Mal im Langen Handok in der Marienstraße 49.

Zu Beginn kam der Kellner und malte ein Herz auf unseren Block, um zu zeigen, worum es eigentlich wirklich geht, nämlich Liebe. Das wurde vom Stammtisch sehr positiv aufgefasst und ein Teilnehmer äußerte, dass Anarchismus dem Wunsch entspringt es für alle besser machen zu wollen.

Zunächst sprachen die Teilnehmer über Diskussionen mit sogenannten „Tresen-Nazis“. Wie antwortet man am besten, wenn man Hetze über Flüchtlinge hört und welche antikapitalistischen Argumente überzeugen einen Bildzeitungsleser? Es fand ein kurzes Rollenspiel statt, in dem die Teilnehmer vorführten, wie sie gegen Rassismus und Kapitalismus argumentieren. Ein Teilnehmer erwähnte, dass durch den Kapitalismus und seine Kürzungen im Gesundheitswesen jedes Jahr 15.000 Menschen in Deutschland an Krankenhauskeimen sterben. Diese Zahl sei ja weit höher als alle Opfer von Terrorismus. Der Klimawandel wurde als weiterer, schlagkräftiger Grund angeführt, warum wir dringend aus dem Kapitalismus aussteigen müssen. In diesem Zusammenhang wurde über Klimacamps und deren Beweggründe gesprochen und natürlich über den Dieselgate. Ein Teilnehmer erwähnte, dass es helfe, wenn man dem Bildzeitungsleser zunächst einmal Recht gäbe. Dadurch fühle sich der Gegenüber ernst genommen und höre aufmerksamer zu. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, geben wir hier nun den ungefähren Wortlaut der Diskussion wieder.

Bildzeitungsleser: „Ich arbeite so hart und verdiene kaum noch genug zum Leben und die Flüchtlinge kommen hier her, bekommen Geld und arbeiten nicht mal.“

Antifa: „Ja, du hast vollkommen Recht, dass die Löhne in Deutschland eine Katastrophe sind und ja, du verdienst viel zu wenig, für deine harte Arbeit. Aber daran sind eben nicht die Flüchtlinge schuld. Ganz im Gegenteil. Diejenigen, die dafür sorgen, dass du immer weniger verdienst, sorgen mit Waffenexporten, Interessen für Ressourcen und überschüssigen Produkten, die auf ausländischen Märkten landen, genauso dafür, dass Menschen fliehen müssen. (…)“

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass solche Diskussionen geführt werden müssen und dass in der Bildung und dem Verbreiten von gesicherten Informationen und Fakten ein wichtiger Schlüssel zu einer befreiten Gesellschaft liegt. Ein Teilnehmer berichtete von „Predigern“, die in Spanien im letzten Jahrhundert in jedem Dorf existiert hätten und die Ideen des Anarchismus verbreitet hätten. Doch gleichzeitig stellte der Stammtisch fest, dass öffentlicher Raum in dem so eine Art von Bildung stattfinden kann, immer häufiger weggekürzt wird und dass die Bedingungen, unter denen Bildung stattfinden kann, sich im Gegensatz zu früher, sehr verändert haben. Ein Teilnehmer bemerkte daraufhin, dass Anarchismus nicht nur bei öffentlichen Veranstaltungen verbreitet werden kann, sondern eben auch im Alltag, beim Gespräch mit den Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden oder Familie. So könne man auch im Alltag praktische Beispiele aufzeigen, warum Anarchie, also libertärer Kommunismus, für alle ein Gewinn ist, wenn man gemeinsam mit den Nachbarn ein gemeinschaftliches Gemüsebeet anlegt, zum Beispiel. Foodsharing wurde in diesem Zusammenhang kurz erwähnt, ebenso wie Nachbarschaftsvereine und Gemeinschaftsgärten.

Des weiteren wurde festgestellt, dass auch unter den bereits überzeugten Anarchisten teilweise ein sehr großes Bildungsbedürfnis herrscht und daraufhin entstand die Idee des „Wohnzimmer-Anarchismus“. Hinter diesem Wort versteckt sich der Plan Bildung im kleinsten, möglichen Raum stattfinden zu lassen, dem Wohnzimmer. Die Teilnehmer entschieden am darauffolgenden Tag bei jemandem zu Hause gemeinsam eine Dokumentation über Anarchismus zu sehen und anschließend darüber zu diskutieren. Zwar sei diese Art der Bildung zunächst einmal ein sehr elitärer Kreis, da die Veranstaltung eben nicht öffentlich ist, andererseits könne jeder zum Stammtisch kommen und den Wunsch äußern, bei der nächsten „Vorführung“ dabei sein zu wollen. Und sollten sich irgendwann so viele Menschen dafür interessieren, dass ein Wohnzimmer nicht mehr ausreicht, so müsse eben eine weitere Person ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, ganz im Sinne der Bildung von anarchistischen, autonomen Zellen.

Die Liste des ersten Stammtischs, in dem alle Teilnehmer äußerten, über welche Themen rund um den Anarchismus sie mehr Informationen wünschen, wurde um folgende Punkte ergänzt:

  • Definition Anarchismus (persönliche & politische Ebene)
  • Anarchismus in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg
  • Die Chaostage
  • Anarchosyndikalismus

Um euch einen Gesamtüberblick zu geben, werden wir die Liste des ersten Stammtischs hier noch einmal wiedergeben:

  • Die Spanische Revolution in den 1930er Jahren
  • Bauern-Kollektive in Spanien & Chiapas, bzw. Mexiko
  • Christiania in Kopenhagen
  • Die Bewegung 15M & der Ableger „Escuelitas“
  • Anarchismus in der arabischen Welt
  • aktuelle anarchistische Organisationsmodelle, wie z.B. Ökodörfer & Klimacamps

Zu einigen der Themen ist bereits recherchiert worden und in den kommenden zwei Wochen bis zum nächsten Stammtisch wird es einiges an Informationen für euch geben.

Da am 4.9.2017 im Langen Handok eine Party stattfindet, musste der Stammtisch sich auch zu einem alternativen Ort Gedanken machen. Die Entscheidung eine Kneipe in der Nähe des Langen Handok auszusuchen, wurde am Ende von allen befürwortet. In den kommenden Tagen werden wir eine Veranstaltung erstellen und euch die genauen Informationen mitteilen. Einen dritten Anarchistischen Stammtisch wird es am 4.9. aber definitiv in der Wuppertaler Nordstadt geben.

Um neun Uhr löste der Stammtisch sich offiziell auf, doch alle Teilnehmer gingen gemeinsam in die nächste Kneipe. Dort kam unter anderem auch der Vorschlag bezüglich der regelmäßigen Treffen des Stammtisches einen festen Termin im Monat zu haben, an dem man sich immer im Langen Handok trifft und den zweiten Termin durch verschiedene Kneipen rotieren zu lassen. Dadurch gäbe es sowohl ein festes Datum zu einem immer wiederkehrenden Zeitpunkt für alle Interessierten und zusätzlich würden wir mehr Menschen erreichen, denn auch beim gestrigen Stammtisch wurden unsere Gespräche von anderen Anwesenden teilweise mit großem Interesse verfolgt. Die letzten Teilnehmer kamen gegen halb zwölf zu Hause an. Selbst auf dem Heimweg sprachen die Verbliebenen noch über anarchosyndikalistische Gewerkschaften wie die FAUdie Rote Hilfe und warum selbige für Anarchisten wichtig sind.

Unser Dank geht an den Langen Handok für einen wunderschönen Abend mit exzellentem Service und einem „Zu-Hause-Gefühl“ und natürlich an alle Teilnehmer für einige informative und kurzweilige Stunden voller Anarchie.

Wer mitdiskutieren will, kann hier kommentieren, oder bei Facebookbei Twitterbei Google+ oder schreibt uns eine E-Mail an a.stammtisch.wtal@gmail.com.

Wir sehen, lesen, hören uns.

Anarchistischer Stammtisch Wuppertal

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