Heute Abend trifft sich der Anarchistische Stammtisch Wuppertal zum zweiten Mal. Nicht nur deshalb möchten wir euch nun den zweiten Teil der Dokumentation „Kein Gott, Kein Herr!“ von arte vorstellen.

Den ersten Teil haben wir bereits hier zusammengefasst und euch wärmstens empfohlen. Der zweite Teil beginnt mit dem Ende des 1. Weltkriegs, in einer Zeit in der der Anarchismus in Europa kaum zu spüren war. Der Krieg hatte ein Drittel der Arbeiter das Leben gekostet, Aktivisten wurden mundtot gemacht. Doch die libertären Ideen überlebten und ihre Anhänger sammeln sich erneut an den Rändern Europas. Der Kapitalismus hingegen schlägt zwei neue, erfolgreiche Kapitel auf: den Faschismus und den Stalinismus. Doch auch die Anarchisten können große Erfolge verzeichnen. In Mexiko, Russland und Spanien führen sie die größten Revolutionen dieses Jahrhunderts an. Durch die Migrationswellen breiten sich anarchistische Theorien auf dem Erdball in rasanter Geschwindigkeit aus, überall werden anarchistische Organisationen gegründet. In den USA sind Anarchisten die einzige wirkliche revolutionäre Kraft. Sie beteiligen sich überall auf der Welt an sozialen Kämpfen.

In Mexiko findet die erste große Revolution des 20. Jahrhunderts statt. Ende 1910 bildet sich dort die Partido Liberal Mexicano, die PLM. Sie ist aber in Wahrheit gar keine Partei, sondern eine anarchosyndikalistisch organisierte Plattform, die den Slogan „Tierra y Libertad“ (Land und Freiheit) weltweit berühmt macht. Mit ihrer intensiven Propaganda treibt die PLM andere linke Kräfte im Land immer weiter nach links. Der Plan geht auf. Im Süden schließt sich die Armee von Emiliano Zapata an, im Norden kommt Unterstützung von der IWW, der anarchistischen Gewerkschaft der USA. Die Anarchisten Enrique und Ricardo Florez Magon setzen auf die Spontaneität der Massen und mobilisieren vor allem die Bauern zu den Waffen. Ihre Botschaften erreichen die Landbevölkerung in Chiapas, wo die letzten Indigenen unter unmenschlichen Bedingungen von den Großgrundbesitzern ausgebeutet und unterdrückt werden.

1911 marschieren revolutionäre Kräfte im Norden von Mexiko ein. Unterstützung bekommen sie auch von Anarchisten und Sozialisten aus den USA. Einige Monate kontrollieren sie Tijuana als große Stadt und etliche Gebiete darum herum. Sie öffnen die Gefängnisse, hissen die schwarze Fahne und verkünden die anarchistischen Ideen. Kropotkin verfasst daraufhin seine erste Theorie des Guerillakrieges. Anarchisten aus aller Welt feiern den Aufstand und die anarchistische Revolution in Mexiko. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gelingt es Anarchisten mit Hilfe einer Armee den libertären Kommunismus umzusetzen. Es ist die erste anarchistische Revolution überhaupt. Doch die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Konterrevolutionäre Mexikaner und die Yankee-Armee der USA schlagen die Revolution nieder. Ausländische Aktivisten werden in Lagern inhaftiert, viele Mexikaner werden hingerichtet oder verhaftet. Doch der 1. Weltkrieg verdrängt alle Diskussionen um eine libertäre Gesellschaft. Und nur wenige Jahre später weht aus Russland ein libertärer Wind um die Welt. Im Februar 1917 kommt es zum Putsch gegen den Zaren und die alte Ordnung. Es werden anarchistische Räte in den Fabriken gegründet, es gibt freie Wahlen, den Acht-Stunden-Tag und die Abschaffung der Todesstrafe. Der Beginn der russischen Revolution war anarchistisch, es war ein spontaner Massenaufstand. Nicht nur deshalb haben Anarchisten weltweit große Hoffnungen. Der Streit zwischen Marx und Bakunin scheint beigelegt. Anarchisten und Kommunisten arbeiten Hand in Hand an der Umsetzung des libertären Kommunismus. In Moskau kontrolliert die Föderation der Anarchisten einen Teil der Stadt, im Norden der Krim gründet sich die Machnowschtschina um Nestor Machno, eine anarchistische Bewegung, die ein Gebiet von der Größe Europas vom Kapitalismus befreit. Auch sie öffnen die Gefängnisse, teilen die Lebensmittel unter allen auf und erschaffen gemeinsam mit der Bevölkerung Pläne die Fabriken und das Land zu kollektivieren. Die Armee besteht aus Freiwilligen, Kommandeure werden gewählt und sie erhalten große Unterstützung aus der Bevölkerung. Am Ende kämpfen 40.000 Mann für den Anarchismus. Sie haben eine Verwaltung, Krankenschwestern und sogar einen gepanzerten Zug mit dem Schriftzug „Anarchie“. Die Front ist fast 1000 km lang. Doch trotzdem gelingt es Machno im Oktober 1919 die Revolution zu retten, als er die Kämpfer in Russland gegen die Konterrevolutionäre und die Weiße Armee unterstützt und somit eine Konterrevolution verhindert. So kommt es dann auch zur Verbrüderung der Machnowschtschina und der Roten Armee. Doch währenddessen entwickeln sich die Kommunisten in eine autoritäre Richtung. Sie wollen das Machtvakuum ausfüllen, welches nach der Revolution entstanden ist. Lenin ordnet den Kriegskommunismus an und die Anarchisten erkennen mit Schrecken welchem Dämon sie an die Macht geholfen haben. Denn die Kommunisten waren ursprünglich nur ein Teil der revolutionären Kräfte in Russland. Doch nun schalten sie nach und nach eine linke Gruppe nach der anderen aus. Die Todesstrafe bleibt, die Bolschewiki bereichern sich persönlich, die Bevölkerung wird hingegen weiterhin ausgebeutet. Bei ihren Säuberungsaktionen gegen die Anarchisten nutzen die Bolschewiken auch das noch junge Kino. Sie drehen Filme, die Anarchisten als Säufer und Chaoten darstellen, um die öffentliche Meinung der Arbeiter für sich zu gewinnen. Denn die Anarchisten haben als erstes erkannt, dass die Bolschewiken zwar den Sozialismus predigen, aber das Gegenteil davon umsetzen. Die Verlogenheit des kommunistischen Russlands wird bei der Beerdigung Kropotkins besonders deutlich. Er bekommt ein Staatsbegräbnis und für einen Tag werden alle Anarchisten aus den Gefängnissen entlassen, damit sie den Todestag des berühmten Anarchisten feiern dürfen. Danach werden sie wieder weggesperrt. Kronstadt und die Ukraine werden als als letztes gesäubert. Alle Offiziere der Machnowschtschina werden erschossen. Die anarchistische Bewegung ist in Russland von den Kommunisten zum Schweigen gebracht worden. Ab dem Moment wo Stalin an die Macht kommt, verschärfen sich auch noch einmal die Zensurgesetze und die anarchistische Beteiligung an der Revolution wird aus der Geschichte gelöscht.

Doch auch in anderen Teilen der Welt werden Anarchisten verfolgt, kriminalisiert, verhaftet und ermordet. Mühsam und Landauer beteiligen sich am Aufbau der Münchner Räterepublik. Landauer wird dafür ermordet, Mühsam landet für fünf Jahre im Gefängnis und wird 1934 von Nazis umgebracht.

1923 kommt es zu einem anarchistischen Aufstand in Bulgarien. Er wird von der Regierung zerschlagen. In Argentinien, Kolumbien, China, Japan und in den USA werden Anarchisten verfolgt und umgebracht und anarchistische Aufstände brutal niedergeschlagen. Die Anarchisten radikalisieren sich und es kommt immer häufiger zu Attentaten auf mächtige Männer.

Doch der Kapitalismus antwortet den anarchistischen Bestrebungen mit einer neuen Maske, die wohl die allermeisten Todesopfer überhaupt gefordert hat, mit dem Faschismus. Zu seinem Beginn benutzen faschistische Gruppen häufig anarchistische Symbole, um die eigene Beliebtheit bei den Arbeitern zu steigern. Der „Cercle Proudhon“ gilt als Wiege des Faschismus in Frankreich. Mussolinis Männer tragen schwarze Hemden, wie die Anarchisten und die sozialen Themen werden von den Faschisten ebenso missbraucht, wie die Worte Solidarität und Zusammenhalt. Die Anarchisten sind die einzigen, die dem Faschismus etwas entgegen setzen. Es kommt zu zahlreichen Anschlägen auf Faschisten durch Anarchisten. Doch die allermeisten Linken wollen sich darauf einigen, erst gemeinsam den Faschismus zu zerschlagen und danach über eine neue Weltordnung zu diskutieren. Es bildet sich der Antifaschismus. Die Anarchisten sind die Einzigen, die neben dem Kampf gegen den Faschismus auch gleichzeitig einen Kampf für eine befreite Gesellschaft fordern. Sie sind die Einzigen, die den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus erkennen.

Machno ist nach jahrelanger Haft wieder frei und will von Paris aus die Anarchisten zu neuen Taten inspirieren. Er schreibt einen Aufruf, in dem er alle Anarchisten auffordert zu den Waffen zu greifen, doch die Bewegung ist gespalten und zersplittert und statt Kämpfen finden tagelange Diskussionen statt. Am 20.3.1027 beruft Machno die internationale Konferenz der Anarchisten ein und von überall auf der Welt folgen Menschen mit libertären Ideen seinem Ruf. Machno und Buenaventura Durruti lernen sich kennen und sehen im widerständigen Spanien die nächste Chance für eine anarchistische Revolution.

Im Jahr 1936 ist es dann soweit. Die Anarchisten haben in der CNT knapp 2 Millionen Mitglieder, die Ideen des libertären Kommunismus sind überall verbreitet und als bei den Wahlen die Liberalen gewinnen, sieht sich die anarchistische Bewegung kurz vor dem Sieg. Franco antwortet mit einem Militärputsch, der immerhin die Hälfte des Landes unter seine Kontrolle bringt. Die gewählte Regierung fordert nicht auf die Demokratie zu verteidigen, sondern tritt gleich drei Mal zurück. Wieder sind es die Anarchisten, die als einzige gegen den Faschismus antreten. Und in Katalonien sind sie erfolgreich und schlagen Francos Armee zurück. Auch in Aragonien wird ein Dorf nach dem anderen befreit und wie in Mexiko werden Ländereien und Fabriken sowie Geschäfte kollektiviert. Über 800 Städte und Dörfer leben nach anarchistischen Ideen und arbeiten diese im konkreten Alltag noch weiter aus. Viele Regionen schaffen das Geld ab, obwohl davon nichts in den Schriften der Theoretiker steht. Der Familienlohn wird eingeführt: Alle produzieren mit, verteilt wird aber nicht nach den Leistungen, sondern nach den Bedürfnissen. Anarchisten drehen auch mit kleinem Aufwand Filme über die Kämpfe an der Front und über die befreiten Städte und das gute Leben für alle dort. Die Bürokratie wird abgeschafft, wichtige Entscheidungen werden im Rat getroffen, Aufgaben gemeinsam erledigt. Die Produktionsmittel gehören dem Kollektiv. In Katalonien werden mehr als 75% aller Betriebe kollektiv geführt, bei gleichem Produktionsergebnis und Ertrag. Auch die Kultur wird geöffnet. Theater, Museen, Tanz und Kunst sind für alle da und werden von allen gemeinsam organisiert. Spanien ist ein lebendes Beispiel dafür, dass Anarchismus funktioniert, wenn die Mehrheit der Bevölkerung es will und dass er als System ein gutes Leben für alle mit sich bringt. George Orwell schreibt darüber in seinem „Mein Katalonien“.

Natürlich gab es auch unschöne Szenen zu dieser Zeit. Priester wurden ermordet, Kirchen angezündet und die Faschisten wurden entweder verjagt oder erschossen. Doch im Vergleich zu den Todesopfern aller anderen politischen Systeme sind die Opferzahlen hier verschwindend gering.

Franco erhält bei seinem Kampf gegen die Anarchisten unerschöpfliche Unterstützung aus den USA und natürlich vom faschistischen Italien und Hitler-Deutschland. Doch auch die Anarchisten mobilisieren. Die USA, Italien, Frankreich, England und Deutschland schicken Kolonnen und einzelne Kämpfer.

Franco lockt Durruti nach Madrid, wo dieser unter ungeklärten Umständen stirbt. Im Mai 1937 kommt es in Barcelona zu Kämpfen um die Telefonica, die von Anarchisten besetzt ist. Eine Woche dauern die Kämpfe an, es fallen mehr als tausend Tote. Am Ende gewinnt Franco. Er dehnt seine Macht immer weiter aus und verschärft die Gesetze. Kollektive werden aufgelöst und verboten, Anarchisten werden verhaftet und in Konzentrationslager gesperrt oder direkt ermordet.

Im 20. Jahrhundert haben sich also insgesamt nahezu alle politischen Strömungen darin verschworen den Anarchismus auszulöschen. Die Anarchisten stecken in einer tiefen Krise. Einer der letzten Sätze der Dokumentation sollte uns im Gedächtnis bleiben, so lange wir auf Teil 3 warten: „In den faschistischen Ländern sowieso, aber auch in sozialistischen Republiken und in liberalen Demokratien mordet die politische Rechte.“

Der zweite Weltkrieg lässt den Anarchismus für lange Zeit verstummen. So endet die Dokumentation und lässt den interessierten Zuschauer etwas fragend zurück, erinnert er sich an die Einleitung des ersten Teils, in dem es auch darum ging aufzuzeigen, warum der Anarchismus gerade heute so wichtig für uns ist. Wie eben schon erwähnt soll es noch einen dritten Teil geben. Wann dieser veröffentlicht wird, wissen wir nicht. Doch das sollte uns nicht daran hindern, uns damit auseinander zu setzen, was eigentlich mit dem Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg passierte.

Wenn ihr darüber sprechen wollt, schaut doch heute Abend, ab 19 Uhr im Langen Handok in der Marienstraße 49 in Wuppertal vorbei oder redet virtuell mit uns: Kommentiert hier, bei Facebook, bei Twitterbei Google+ oder schreibt uns eine E-Mail an a.stammtisch.wtal@gmail.com.

Wir sehen, lesen, hören uns.

Anarchistischer Stammtisch Wuppertal

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